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BEHINDERTE ARBEITNEHMER-Überfallen und abserviert

BEHINDERTE ARBEITNEHMER
Überfallen und abserviert

Von Tobias Lill

Auf dem Papier geben sich deutsche Unternehmen behindertenfreundlich. In der Praxis sieht es häufig anders aus: Wer nicht mehr die volle Leistung bringt, wird aus dem Job gedrängt - wie der Fall der Schlecker-Verkäuferin Helga Tsokaktsidis zeigt.

Stuttgart - Als der Mann mit der dunklen Skimaske Helga Tsokaktsidis den Revolver in den Rücken drückte, schrie sie nicht einmal. Sie erstarrte einfach. Dann, von einem Moment auf den anderen lief die Verkäuferin aus dem Laden. "Fast wäre ich über einen Karton mit Weihnachtsservietten gestolpert", erinnert sich die 59-Jährige. Der vermummte Täter schoss nicht, ergriff stattdessen selbst die Flucht. Der Räuber, der 2005 die Schlecker-Filiale in der Stuttgarter Charlottenstraße überfiel, sitzt jetzt in der Haftanstalt Stammheim. Doch was Tsokaktsidis blieb, ist die Furcht. "Ich kann seit diesem Abend nicht mehr alleine in einem Raum arbeiten und habe Angst im Dunklen", sagt sie.

Schlecker-Verkäuferin Tsokaktsidis: "Angst im Dunkeln"
Tobias Lill

Schlecker-Verkäuferin Tsokaktsidis: "Angst im Dunkeln"
Tsokaktsidis ist blass, nippt oft an ihrem Wasserglas. Die zierliche Frau mit silbernen Haaren zittert, wenn sie von Überfall vor drei Jahren spricht. Nein, dass sie von ihrem Arbeitgeber als Heldin gefeiert wird, das habe sie nicht erwartet. "Ich mache nur meinen Job", sagt sie.

Vor 18 Jahren fing die gelernte Verkäuferin bei Schlecker an. Nie habe sie sich beschwert. Immer tat sie, was man ihr sagte: sprang von einem Moment auf den anderen ein, wenn jemand krank wurde, leistete unentgeltlich Überstunden und trug auch mal die Taschen älterer Kunden nach Hause. "Das hat man uns doch noch so beigebracht", sagt sie. Es ist das einzige Mal an diesem Tag, dass sie lächelt.

Kündigung statt Blumenstrauß

Auch als die Chefin sie am Tag des Überfalls aufgefordert habe, möglichst bald wieder zu arbeiten, wollte sie gehorchen. Doch es ging nicht: Die Angst überfiel sie. Traumata sind keine Seltenheit nach einem Überfall.

Tsokaktsidis holt ein abgewetzes Papier aus ihrer Stofftasche: Eine Behinderung mit einem Grad von 50 attestieren ihr die Mediziner. Ihr Arzt schrieb sie nach dem Überfall krank, 18 Monate bekam sie eine Erwerbsminderungsrente. Langsam lernte Tsokaktsidis mit dem Geschehnissen umzugehen, weinte nicht mehr so oft, wenn sie darüber sprach.

2007 fing sie dann erneut bei Schlecker an. Doch nur wenige Monate, nachdem sie wieder zur Arbeit erschien, brach für die Frau, deren Mann vor einigen Jahren gestorben war, die Welt erneut zusammen: Statt eines Blumenstraußes als Dank stellte ihr Schlecker die Kündigung zu. Sie sei zu oft krank, die Höhe der Fehlzeiten dem Arbeitgeber nicht mehr zuzumuten, begründete Schlecker die außerordentliche Kündigung gegenüber dem Integrationsamt, das jeder Kündigung gegen Schwerbehinderte zustimmen muss.

Tatsächlich fehlt Tsokaktsidis wegen ihrer Traumatisierung häufig – allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres mehr als 30 und im Jahr 2007 52 Tage. Etwa 2000 Euro Lohnfortzahlungskosten sind Schlecker nach eigenen Angaben allein für diesen Zeitraum entstanden. "Doch über die Ursache der Krankheit verliert Schlecker kein Wort", ärgert sich die Stuttgarter Gewerkschaftssekretärin Christina Frank, die Tsokaktsidis arbeitsrechtlich berät.

Ver.di spricht von "reiner Schikane"

Die Ver.di-Frau blättert durch den riesigen Aktenordner. Aus einem Attest geht hervor, dass Tsokaktsidis möglichst in einer Filiale arbeiten soll, in der mehrere Mitarbeiter gleichzeitig anwesend sind. Statt dies zu berücksichtigen, setzte Schlecker die Verkäuferin zunächst ausgerechnet in jenem Geschäft ein, in dem es zu dem Überfall kam. "Und das, obwohl in zahlreichen anderen Stuttgarter Filialen Teilzeitkräfte wie Tsokaktsidis gesucht wurden", sagt Frank.

"Die erste Woche mit gemeinsamer Schicht ging noch, aber dann sollte ich wieder alleine arbeiten", erinnert sich Tsokaktsidis. Prompt wurde sie wieder krank. Gewerkschafterin Frank spricht von "reiner Schikane" seitens Schleckers. Hierzu gehöre auch eine Ende August ausgesprochene Abmahnung gegen Tsokaktsidis - die erste ihres Lebens, weil diese zwei Handykarten in der Kasse eingetippt statt eingescannt haben soll. "Zu dem betreffenden Zeitpunkt war Frau Tsokaktsidis überhaupt nicht in der Arbeit", sagt Frank über die Abmahnung.

Schlecker dagegen nennt die Abmahnung "sachlich begründet". Auch die Schikane-Vorwürfe weist das Unternehmen zurück. Man sei Tsokaktsidis "immer wieder sehr weit entgegengekommen, als es darum ging, an welcher Arbeitsstelle sie wieder eingesetzt werden soll". Die Suche habe sich jedoch als "sehr schwierig" erwiesen. "Die Entscheidung, in welcher Verkaufsstelle sie dann endgültig weiter tätig war, sei in gegenseitigem Einvernehmen gefallen", heißt es in einer Stellungnahme des Einzelhändlers.

Suche nach Kündigungsgründen
Die außerordentliche Kündigung ist dagegen erst einmal abgewendet: Das Integrationsamt Stuttgart lehnte diese im April 2008 ab. Durch die Arbeitsunfähigkeitszeiten entstünden keine "erheblichen betrieblichen Schwierigkeiten" für Schlecker. Zudem sei "zumindest ein großer Teil der Ausfallzeiten durch den Arbeitgeber selbst verursacht worden". Schlecker bestreitet dagegen, dass die Behörde die Kündigung zurückgewiesen habe. Zunächst habe sie dem zugestimmt. Im Integrationsamt hat man dafür keine Erklärung. "Die Behauptung Schleckers stimmt nicht", sagt der für den Fall zuständige Mitarbeiter.

Bei Ver.di überrascht Schleckers harsches Vorgehen niemanden wirklich. Die Arbeitnehmervertreter werfen dem Management sogar vor, "gezielt und flächendeckend" gegen Behinderte vorzugehen. Auch Anja Baumann*, eine ehemalige Bezirksleiterin von Schlecker im Raum Baden-Württemberg, sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, sie sei von ihren Vorgesetzen angewiesen worden, Mitarbeiter, die schwerbehindert oder häufig krank sind, "nach Möglichkeit rasch loszuwerden". Hierzu sollten unbedingt Kündigungsgründe gefunden werden. Das soziale Umfeld, die Kleidung, Kundenfreundlichkeit, die angebliche Nichtbeachtung zentraler Anweisungen, Beanstandung der Inventurergebnisse - es habe viele Vorwände gegeben, um kranke und behinderte Mitarbeiter aus dem Betrieb zu drängen, so Baumann.

Schlecker geht auf diese Vorwürfe nicht ein. Ein Sprecher verweist lediglich darauf, dass Schleckers Bewerbungsfragebogen keine Fragen enthalte, die dem Anti-Diskriminierungsgesetz widersprechen. Auch sei der Anteil schwerbehinderter Arbeitnehmer bei dem Unternehmen "mit nahezu drei Prozent im Vergleich zu anderen Unternehmen nicht auffällig niedrig". Im Durchschnitt liegt die Beschäftigungsquote in deutschen Firmen und im öffentlichen Dienst bei etwa vier Prozent.

"Das Klima wird rauer"

Bei Ver.di sieht man in Schlecker zwar ein "besonders heftiges Beispiel". "Doch es gibt eine Vielzahl von Unternehmen, bei denen gilt: Wer länger krank wird, fliegt raus ", sagt Frank, die sich bei der Gewerkschaft seit vielen Jahren um die Belange Schwerbehinderter kümmert.

Auch beim Sozialverband VdK kennt man das Problem. "Das Klima wird insgesamt rauer, manche Unternehmen versuchen behinderte Mitarbeiter gezielt loszuwerden", sagt die sozialpolitische Referentin Dorothee Czennia. Die Situation von chronisch Kranken und Schwerbehinderten könnte sich durch die Finanzkrise noch verschärfen: "In wirtschaftlich schlechten Zeiten steigt die Zahl der Kündigungen von Behinderten", so eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit.

Mehr als drei Viertel aller privaten Betriebe in Deutschland kommen ihrer Pflicht schon jetzt nicht in vollem Umfang nach und bei gut 30.000 beschäftigungspflichtigen Unternehmen arbeitet kein einziger Schwerbehinderter. Im Internet finden sich Kanzleien, die spezielle Seminare anbieten, um behinderte Mitarbeiter loszuwerden. In vielen Fällen sind die Behörden ohnehin machtlos, etwa wenn betriebs- oder verhaltensbedingte Gründe angegeben werden, erklärt ein Mitarbeiter eines Integrationsamtes. Tatsächlich stimmten die Behörden bundesweit im vergangenen Jahr in drei von vier Kündigungsverfahren von Schwerbehinderten der Kündigung zu.

Fünfmal mehr Mobbing

Und wenn sich das Integrationsamt dennoch querstellt, schrecken manche Chefs auch vor Mobbing nicht zurück. Das berichten zumindest Angestellte von Einzelhändlern. "Die haben mir jeden Tag gezeigt, dass ich als Behinderte unerwünscht bin", sagt eine Verkäuferin eines Modegeschäfts, die seit einigen Jahren mit einer Sehstörung zu kämpfen hat. Laut einer schwedischen Studie klagen behinderte Mitarbeiter mehr als fünfmal so oft über Mobbing am Arbeitsplatz wie Nichtbehinderte.

Derlei zweifelhaftes Verhalten ist nicht auf den Einzelhandel beschränkt: Heinz-Jürgen Raem, ehemals Ingenieur bei einem Mittelständler, erlitt bei einem Unfall eine Querschnittslähmung. zunächst brachte der Chef ihm noch den Laptop an das Krankenhausbett, damit er ein Projekt beenden konnte. Als Raem damit fertig war, kündigte ihm seine Firma ohne Vorwarnung. Man wolle keine Behinderten im Betrieb, soll ihm der Chef noch gesagt haben.

"Als Mitarbeiter ist man für manche Chefs nur mehr ein Stück Fleisch", ist auch Helga Tsotsaksidis überzeugt. Hinter ihr hängt ein Gewerkschaftsplakat, das einen Hasen zeigt, der sich ins Gras duckt. "Bangemachen gilt nicht", steht da in dicken Lettern. Die 59-Jährige hat sich nicht weggeduckt, hat gekämpft. Mit Erfolg: Auf Druck des Betriebsrats versetzte sie Schlecker mittlerweile in eine Filiale, in der mehrere Angestellte zugleich arbeiten. Doch noch hat sie nicht gewonnen. Wegen der Abmahnung, gegen die Ver.di gerichtlich vorgehen will, plagen sie noch immer Sorgen: "Ich habe Angst, dass mir irgendwann etwas untergeschoben wird", sagt die Frau, die im nächsten Jahr in Rente geht.

*Name von der Redaktion geändert
25.11.08 12:43





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